Neues aus der Bibliothek - Von Lesern für Leser vorgestellt
Eine Buchempfehlung von Dr. Reinhard Olma
„Herscht 07769“
von Laszlo Krasznahorkai
Ob peinlich oder nicht: Vom Literaturnobelpreisträger 2025 hatte ich noch nichts gehört.
Vielleicht machte zuerst neugierig, einen Roman „in einem Satz“ zu lesen.
Auch die Tatsache, dass der Autor bei Gebrauch extremer Schimpfworte die Vokale weglässt, war eine neue Erfahrung.
Und die Geschichte?
Florian Herscht, ein großer, bärenstarker und überaus sanftmütiger junger Mann wird von einem Reinigungsunternehmer und Boss einer Neonazigruppe in 07769 Kana in Thüringen, nach Erreichen der Volljährigkeit aus einem Kinderheim geholt und in eine Wohnung in der 7. Etage eines DDR-Plattenbaus gesteckt. Dafür, dass sich zum ersten Mal jemand für ihn interessiert und um ihn kümmert und für seine erste eigene Wohnung ist Florian so dankbar, dass er sich vom „Boss“ ausbeuten und zum Blitzableiter seiner Wutanfälle machen lässt. Dieser Mann sieht in der Musik von Johann Sebastian Bach unverzichtbare deutsche Kultur und versucht mit mäßigem Erfolg, in der Kleinstadt ein eigenes Sinfonieorchester aufzubauen. Dabei wird Florian mehr und mehr von Bachs Musik ergriffen; wenn er sich keinen Rat mehr weiß, setzt er Kopfhörer auf und hört Bach
In der Kleinstadt, für die wohl Kahla Pate gestanden hat, ist Florian sehr beliebt wegen seiner Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Was er mit den Nazis zu tun hat, verstehen die Leute nicht.
Ein Bewohner von Kana ist der Physiker und Hobby-Meteorologe Herr Köhler. Bei ihm hört Florian zum ersten Mal etwas über Quantenphysik, natürlich kann er die Zusammenhänge überhaupt nicht verstehen, sie machen ihm Angst. Er muss Frau Merkel auf diese Probleme aufmerksam machen.
Er schreibt ihr mehrere Briefe, leider ohne Resonanz.
Als dann in Kana eine Tankstelle explodiert und Morde geschehen, nimmt die Apokalypse ihren Lauf…
Das Buch fasziniert von Seite zu Seite mehr. Mit Ironie und etwas Sarkasmus gelingt dem Autor eine solch detaillierte Beschreibung der aktuellen Situation in einer beliebigen Kleinstadt im Osten Deutschlands, dass es einem kalt über den Rücken läuft. Wie kann ein ungarischer Schriftsteller so bis auf den Grund der ostdeutschen Seele dringen?!
Für mich tatsächlich das beste Buch des vergangenen Jahres; von mir hätte
Laszlo Krasznahorkai auch den Literaturnobelpreis 2025 bekommen. Von der ungewohnten Schreibtechnik nicht abschrecken lassen! Unbedingt lesen!
Dr. Reinhard Olma